Freitag, 14. März 2014

Neues vom Neuen

In einem früheren Beitrag habe ich bereits diskutiert, worin die Knackpunkte bei einer dialektischen Auffassung des Neuen liegen. Darin habe ich versucht die Motivation etwas Neues zu schaffen als Glaube an den Mangel von Neuem zu beschreiben. Demgegenüber stellte ich eine rein konstruktivistische Auffassung, dass alles neu ist, was einen Unterschied in der individuellen Erfahrung macht. Natürlich steht dem der Glaube an den Fortschritt gegenüber, und die daraus resultierende Position etwas Neues schaffen zu müssen, um überhaupt überleben zu können. Heute möchte ich eine weitere Provokation leisten: In der Diskussion um meinen Beitrag kristallisierten sich Fragen nach den Ordnungsschemata von Neuem heraus, und die Idee Neues als Selbstzweck zu begreifen. Ich werde dies heute befeuern.[1]

Neues als Selbstzweck?

Das 20. Jahrhundert war das große Zeitalter von Systemen und deren Kontrolle: Die Kybernetik legte den Grundstein für unsere wissenschaftstheoretische Gegenwart, und beeinflusst uns heute immer noch: Systeme, Selbstorganisation, Kontrolle, Maschinen bis hin zu den gegenwärtigen Diskussionen um Post- und Transhumanismus (welche anthropologischer Unsinn sind). Hieraus entwickelten sich immer Ideen von sich selbst regulierenden Systemen: Sei es das Auto, die Heizung, biologische Biotope oder gar der Mensch. Homöostasen sind ein vielfach verwendetes Wort, und lassen sich allerdings meist nur theoretisch sinnvoll ausgestalten. Adiabatische Systeme, also operational geschlossene Systeme, neigen zu einem Anstieg von Entropie; zu einem Anstieg von Informationsmangel und –unordnung. Nicht-adiabatische Systeme, also solche, die in einer Wechselwirkung zu einer Umwelt stehen, neigen eher zu einer Negentropie: Durch den kontinuierlichen Austausch von Information (im Original: und Wärme und Energie), besteht die Möglichkeit, dass im System informationelle Gleichgewichte entstehen.

Man könnte nun tatsächlich versuchen die Kreation und Schöpfung von Neuem als ein System zu begreifen: Eigentlich wird hierbei die Skalierung der Beschreibung durch eine agency festgelegt (also durch einen Handlungsfokussierten Motivator). Heute setzen wir das System einmal selbst: Darin ergeben sich zwei Grade dieses Neu-Systems, welche sich aus der Tradition der Kybernetik ergeben.[2] Neues 1. Ordnung bestünde in einer systemischen Universalreferenz – das, was dialektisch ebenfalls gut zu fassen ist, unter dem Neuen an sich, oder dem Neuen für alles. Diese Universalreferenz zeichnet sich durch eine gewisse Unschärfe aus, da es jedem möglich sein muss, darin sein Neues zu lesen: Dieses Neue muss also begrifflich etwas unscharf bleiben: wie etwa durch bestimmte Termini: "Diese Musik ist neu und revolutionär" oder "sie schafft es die Kulturen zu verbinden" oder "ein sozialer Gestus in der Musik" und so weiter. Darin lassen sich eben unscharfe Begriffe wiederfinden, die nur genau deswegen von jedermann verwendet werden können. Das verhält sich ähnlich zu dem fuzzy-Begriff bspw. von B.Kosko, als Bsp.: Der Begriff "Wetter" ist fuzzy, da nur der Begriff keine Ebene der Phänomenologie implementiert ("mir ist heute kalt"; "scheiß Wetter"). Daher kann ihn jeder verwenden und mit seinen interphänomenologischen Konnotationen füllen.

Nach der Kybernetik, welche eben versuchte epistemische Ordnungsschemata zu erstellen, entwarf Heinz von Förster die Kybernetik 2. Ordnung oder die Kybernetik der Kybernetik. Darin wird ein epistemisches Ordnungsschema als sein eigener Referent betrachtet. Übertragen für uns hier, würde dies bedeuten: Neues von Neuem.[3] Dies wäre die eigentliche Ausformulierung von Neues als Selbstzweck.

Neues von Neuem würde dann die Kybernetik 2. Ordnung sinngemäß verarbeiten, und sich der zirkulären Kausalität verschreiben. Wir hätten damit quasi ein adiabatisches System innerhalb eines nicht-adiabatischen Systems geschaffen, denn Neues als Universalreferenz stünde in einer Wechselwirkung zu einem Außen, und Neues von Neuem stünde in einer Selbstreferenz zu sich selbst. Man könnte das Neue vom Neuen auch als Neues per se beschreiben, als das, was sowieso neu ist, weil es von jemand gemacht wurde, der Neues macht. Neues als Selbstreferenz funktioniert also autorelational.

Der Knackpunkt bei dieser Herleitung wäre die Funktionalität von Neuem 1. und 2. Ordnung. Neues 1. Ordnung dient universal dazu unscharfe Unterschiede zu erkennen und zu machen. Neues 2. Ordnung dient maßgeblich zur Selbstreflexivität - was in diesem Kontext nichts anderes bedeuten würde als Unterschiede bei sich, also innerhalb der eigenen phänomenologischen Grenzen (wo auch immer die sein mögen), zu machen: Geschlossene Systeme können sich operational eben nur in den eigenen Grenzen bewegen, und sie stellen eben den Beobachter des Systems in den Mittelpunkt, der dann selbst das System ist. Das hieße noch pointierter: Neues von Neuem, also Neues als Selbstzweck, muss immer auf eine Person hinauslaufen. In dieser hier vorgestellten Argumentation geht es gar nicht anders als das Neue immer bei dem Neumachenden zu suchen. Das Neue 2. Ordnung ist also neu, weil (1) jemand in Auseinandersetzung mit sich selbst feststellte, dass es neu ist; (2) es in einer Kopplung zu Neuem 1. Ordnung steht, und daher Wechselwirksamkeit behauptet; (3) weil es entropisch ist.

Bei genauerem Lesen sieht man, dass es bei dieser konzeptionellen Herleitung von Neuem letztlich nicht gut bestellt ist um den Begriff Neu.[4] Vor allem letztgenannter Punkt greift einen eigentlich abzuwehrenden Gedanken auf: Wenn das System des Neumachenden entropisch ist, heißt dies nichts anderes, als dass das Neue - überspitzt formuliert - irgendwann nicht anders kann als seine Neuheit zu behaupten - bei gleichzeitig ansteigender Inhaltsleere/Verknüpfungsarmut. Entropie wäre in diesem Falle das Ansteigen von Informationsmangel, also auch die immer mehr und mehr fehlenden Möglichkeiten Daten zu verknüpfen und zu variieren. Allerdings könnten wir noch eine weitere theoretische Ebene hinzufügen, um Neues vom Neuen ein wenig besser darzustellen.

Aus dem Konstruktivismus ist uns bekannt, dass Erfahrungen eines Menschen dazu dienen seine Welt zu konstruieren und diese als viabel - d.i. im engeren Sinne pragmatisch funktionierend - zu beleben. Die Welt eines Menschen ist viabel, sofern sie funktioniert und zu einer wie auch immer genauer definierten ontischen Realität passt (vgl. Glasersfeld 1997). Aus der Kybernetik wird dies als Stabilitätsindikator beschrieben: Systeme, die sich durch Rückkopplungen organisieren, können eine Loslösung vom antreibenden Motor bewirken und in sich – also selbstreferenziell – stabil werden:

„[…] So dient die Rückkopplung dazu, die Abhängigkeit des Systems von der Charakteristik des Motors zu vermindern, und dazu, es zu stabilisieren, […]“ (Wiener, 1968: 139)

Wir übertragen: Neues von Neuem steht in Kopplung zu Neuem als Universalreferenz (Neues 2. Ordnung in Kopplung zu Neues 1. Ordnung). Dieses Neue als Universalreferenz steht in Kopplung/Wechselwirkung mit einem Außen. Durch diese Rückkopplung ist es möglich das System nun selbstreferentiell stabil zu halten. Man könnte also etwas technokratisch formulieren: selbstreferentiell Neues ist stabil neu, und universalreferentielles ist instabil neu. Was nun Stabilität in diesem Kontext bedeuten würde, müsste freilich ausdiskutiert werden: Gesellschaftliche Relevanz, zeitliche Konsistenz, etc. Hierin läge sogar eine Begründung sich für autorelational Neues zu entscheiden, da nur das tauglich ist, was aus den eigenen phänomenologischen Grenzen entstanden ist. 

Nochmal: Dies ist ein reines Gedankenspiel – es ist fragmentarisch und sicherlich nicht sauber ausgeführt. Es lässt sich jedoch dahinter eine Idee feststellen, wie Neues epistemisch verhandelt werden könnte. Wir müssen unbedingt feststellen, dass die verschiedenen Verknüpfungen und Verbindungen, die hier gemacht wurden, nicht unproblematisch sind. Gleichfalls ist die Nennung von Entropie und Phänomenologie in einem Atemzug momentan theoretisch unterernährt, da hier System und Individuum aufeinandertreffen. Die nächste Herleitung kommt bestimmt…




[1] Man sollte beim Lesen dieses Textes, und aller meiner Texte, nie vergessen, dass Provokation durch Vergleich und Gegenüberstellung immer ein adäquates Mittel für den Diskurs ist. Es geht gar nicht so sehr um meine Meinung, sondern um die Darstellung von verschiedentlichen Idee-konzeptionellen Möglichkeiten.
[2] Im vorigen Text wurde ebenfalls von Neu in 2 Graden gesprochen. Dies war allerdings eher eine formale und sprachliche Setzung. Diese hier verhandelt sich konzeptionell.
[3] Du liebe Güte, diese konzeptionelle Herleitung kann aufgrund der oben beschriebenen fehlenden agency für absolut jeden Begriff geleistet werden.
[4] Nochmals: Es handelt sich hierbei um eine mögliche Herleitung unter vielen. Das ist keine Meinung, sondern ein Gedankenspiel.

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