Montag, 27. Januar 2014

Ultraschall Abschlusskonzert Besprechung


Gestern am 26. Januar 2014 ging Filterrauschen zum Abschlusskonzert des Ultraschall Festivals in Berlin im Haus des Rundfunks. Das Konzert war gut besucht und die Komponisten des Abends (ausser natürlich Giacinto Scelsi) waren anwesend. Das  Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) spielte unter Lothar Zagrosek. Diesmal werden drei Werke aufgeführt die auch im 21. Jahrhundert entstanden sind und damit wirkt das Programm sehr frisch und modern, auch wenn es sich eher um die ältere Generation und schon etablierte Komponisten handelt. Der erste Teil des Konzerts wurde mit je einem Werk von Nicola Sani und Hans-Peter Kyburz bestritten. Der zweite Teil brachte eine überraschende Uraufführung eines erst im neuen Millenium im Nachlass Scelsis entdeckten Werkes und zum Schluss ein Werk Von Helmuth Lachenmann. Damit werden an diesem Abend verschiedenste Ausrichtungen der Moderne präsentiert.


Nicola Sanis Al folle volo von 2004 für Orchester eröffnete das Konzert mit einem bunten spektralen Teppich, der recht kurzweilig ist, aber fast ohne Überraschung auskommt. Dann folgt Hanspeter Kyburz' Touché von  2006 für Sopran, Tenor und Orchester. Ein theatralisches Sprachduell mit moderater Orchesterbegleitung, das recht gewitzt anfängt, aber leider am Ende etwas lang wirkt. Nach der Pause dann endlich die Uraufführung von Giaconto Scelsis Kamakala für Kammerorchester, das vor 1960 entstanden sein muss. Die Besetzung ist weniger kammermusikalisch, denn eine große Rumpfbesetzung: Keine Violinen, Flöten oder Oboen, dafür aber Verdoppelung der tiefsten Blasinstrumente wie Baßklarinette, Kontrafagott und Tuba. Mit dieser Instrumentation erfährt der Orchesterklang eine Aufrauhung und Verdunklung. Die Orientalismen sind schlagkräftig gesetzt, das ganze Werk weniger sphärisch als rhythmisch pointiert, so wie man es schon von Scelsis Kammer- und Klaviermusik aus jener Zeit kennt. Auf jedenfall eine aufregende Aufführung. Dann kommt der Höhepunkt des Abends: Helmuth Lachenmanns Schreiben für Orchester von 2003/04. Lachenmann entfaltet sein ganzes Repertoir an "exterritorialen" Spieltechniken und Geräuschen, kombiniert mit Anklängen an das "philharmonische" Repertoir. Wunderbar ist der Gebrauch der Becken, die in vielfältigen Weisen zu Melodien zusammengeschrieben werden und an vielen Stellen dem Orchesterklang etwas hinzufügen, dass wie elektronisches Zuspiel klingt. Lachenmann ist kaum noch sperrig und schwelgt in diesen auratischen Geräuschfarben und das hört man und das macht Spaß und das zeigte sich dann auch beim abschließenden Applaus.


Im Raum bleibt stehen: Was kommt danach? Vielleicht können und müssen die Komponisten des Abends das nicht mehr angehen und beantworten, aber die jüngeren Generationen sind hier dringend gefragt. Die Erwartungen sind groß: Einen neuen zeitgemäßen Orchesterklang und entsprechende Formen dafür zu finden, wird kein leichtes Unterfangen sein. Es gibt schon interessante Arbeiten in dieser Richtung, aber es bleibt noch abzuwarten, ob sich hier ein weites Betätigungsfeld eröffnen kann oder nur Belanglosigkeiten produziert werden, die der Institution Orchester huldigen, denn sie relevant (r)evolutionieren. Natürlich muss die Institution sich an diesen Prozessen beteiligen und gleichsam immer wieder neu erfinden, um nicht anachronistisch in bürgerlich-konservativen Ritualen herumzudümpeln! Wir sind gespannt und werden berichten.


Nicola Sani und Hanspeter Kyburz im Gespräch

Bei den Interviews wusste Helmuth Lachenmann am besten wie man eine gute Figur macht. Er war sehr klar und charmant in seinen Antworten und gekonnt bereitete er auch einen unerfahrenen Hörer auf sein Werk sein erstes Orchesterwerk, dass er nach seiner Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern geschrieben hat, vor.

Helmuth Lachenmann und Lothar Zagrosek im Gespräch

Impressionen vom Konzert und weitergehende Informationen findet ihr hier.

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