Dienstag, 21. Januar 2014

Skizze einer nonlinearen Ästhetik Teil 4


Spannend ist ein Blick auf die (Historische) Epistemologie bzw. Wissenschaftsgeschichte: Hier zeigt sich am deutlichsten ein nicht-teleologischer also ein nicht zielgerichteter und zufälliger Prozess, der sich durch Brüche, Diskontinuitäten und Umwälzungen auszeichnet, der sich nicht auf etwas zu bewegt, sondern von etwas weg, sozusagen von hinten angeschoben wird. Gleiches lässt sich an der Kompositionsgeschichte beobachten, bspw. an der Geschichte von Notation: von der Buchstaben- bzw. Hieroglyphencodierung zu den verschiedenen Neumensystemen und dann der modernen Notenschriften. Wer hier eine kontinuierliche Entwicklung zu sehen glaubt, muss eines besseren belehrt werden, denn die plötzliche Unverbundenheit der verschiedenen Notationssysteme liegt offen zu Tage. Ansonsten müsste es ja ohne weiteres möglich sein, in Neumen notierte Musik in neueren Notationen darzustellen, wer sich aber genauer mit der Materie beschäftigt, kommt zu dem Schluss, dass dieses eben nicht der Fall ist. Hinter den verschiedenen Systemen stehen verschiedene Denkweisen oder Weltentwürfe, die nicht (einfach) kompatibel sind.
Gleiches lässt sich auch für Stile und Epochen finden: Während im populärwissenschaftlichen Bereich gern eine lineare Entwicklung suggeriert wird, stehen doch dahinter sich ablösende Denkweisen und Welterfahrungen, die eben nicht einfach kommensurabel sind. Denn wenn es einen logischen und zielgerichteten Fortschritt gibt, warum vollzieht er sich über so einen langen Zeitraum mit so vielen Stockungen und nicht einfach logisch und konsequent innerhalb kürzester Zeit? Fehlt es an Logikern, an logischem Denken? Nein tut es nicht. Vielmehr ist es so, dass sich logisches Denken oder musikalische Logik immer innerhalb eines logischen Systems oder einer Grammatik entfaltet (vielleicht auch in einigen oder vielen), welches sich aber durch arbiträre Regeln auszeichnet, die aber gleichwohl von Menschen gemacht sind und von diesen benutzt werden, also keine übergreifenden, ontologischen Wahrheiten darstellen. Also ist eine Epoche ein syntaktisches System von Grammatiken / Logiken in denen sich menschliches Denken und Handeln entfaltet.
Diese Grammatiken (ich benutze jetzt einfach mal diese Terminologie) können zum Teil sehr gut beschrieben werden: so stellt natürlich der jeweilige Stand des Instrumentenbaus und Instrumentariums einen wichtigen Teil dieser Grammatiken dar, ist aber gleichwohl nicht erschöpfend. Gerade die Geschichte der Musikinstrumente und des Instrumentenbaus zeigt die ungerichtete Evolution dieser Grammatiken, Instrumente / Familien werden weiter entwickelt, spezialisiert, in verschiedene Varianten entfaltet, in Nischenbereichen weiterverwendet oder verschwinden ganz.


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