Montag, 18. November 2013

Über den Begriff "neu"

Gerade in der Musik begegnet einem sehr häufig das Wort neu. Sei es bei neuer Musik, oder Neuer Musik, oder einfach bei neuerer Musik. Die beiden ersten Begriffe meinen sogar ganze Konzepte und Prinzipien (nicht zu vergessen um die harten Distinktionsdebatten was neue und was Neue Musik sei und was nicht), und können deswegen gar nicht leichtfertig in einer Debatte welche Musik denn nun neuer sei verwendet werden. Letztere neuere Musik würde bedeuten, dass sie wohl einfach vorläuferlos sei. Schwierig, schwierig diese Kiste der Innovationen. Hier ein medial-anthropologischer Blick (der deswegen nicht per se musikwissenschaftlich sein muss).

In der Tradition der Dialektik bezeichnet das Wort neu einen vorläuferlosen Schöpfungsakt oder eine vorläuferlose Schöpfung: Dinge, die die Welt zuvor noch nicht gesehen oder gehört hat. Dahinter verbergen sich zwei Begriffe zweier Grade: 2.Grades meint neu immer Fortschritt; 1.Grades meint neu die dialektische Antithese zu alt, veraltet, ständig, stetig, wieder- und überholt. Etwas das als neu in dieser Perspektive bezeichnet wird, ist also 1.Grades neu zu etwas obsolet, und 2.Grades neu, da es ein Fortkommen darstellt.

Dabei ergeben sich allerdings wesentliche Dilemmata: Zur Perspektive der 1.Grades des Neuen bleibt die Frage offen ob obsolet Gewordenes erst durch die Schöpfung des Neuen obsolet wird, oder bereits vorher ein Mangel an Neuem vorhanden war, dessen Genese allerdings meist unergründlich bleibt: ex nihil. Viele Forderungen nach Neuem sind meist mit einem intrinsischen Glauben verbunden, dass eben ein Mangel an Neuem bestehe, der aufgefüllt werden müsse. Dieser Glaube stützt sich also meist auf Argumente des Zeitgeists, der Ästhetik, des Nutzens, oder des Funktionierens. Es ist ein Glaube an den Mangel, da es rein logisch nicht möglich ist daraus eine Wissenschaft zu machen: Empirisches Material zu einem Mangel des Neuen lässt sich nicht finden, sofern nicht Zielformen der Methode erstellt werden, welche nicht erstellt werden können, da ein Mangel an Neuem bedeutet, dass etwas noch nicht vorhanden ist. Eine empirische Untersuchung zu etwas, dass noch nicht vorhanden ist mündet in einem Futurismus, der alles ist, aber nicht empirisch oder wissenschaftlich. Daher verwende ich hier die Bezeichnung Glaube an den Mangel von Neuem.
Die Argumente dieses Glaubens und seiner Rechtfertigung (Zeitgeist, Ästhetik, Nutzen und Funktion) beruhen in einer medial-anthropologischen Perspektive allerdings auf einer bestimmten zeitlichen Sequenz. Deutlicher formuliert: Auf Grundlage des Arguments des Zeitgeists den Glauben am Mangel des Neuen zu rechtfertigen, bedeutet ebenfalls die eigene mögliche Untauglichkeit dieses Glaubens einzugestehen. In diesem Rahmen ist davon auszugehen, dass der „eigentliche optimale Zeitgeist“ der Gegenwart noch nicht gefunden sein könnte, und daher der Glaube an den Mangel nicht gerechtfertig sein dürfte. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Argumenten: Ästhetik, Nutzen und Funktion sind Medialitäten einer bestimmten zeitlichen Sequenz, die in ihrer eigenen Logik nicht absolut sind und daher ihrer Untauglichkeit überführt werden können.

Das erste Dilemma des dialektisch Neuen liest sich also wie folgt: Neues 1.Grades könnte gar nicht neu sein, da die argumentative Basis des Glaubens an den Mangel des Neuen möglicherweise untauglich ist. Dialektisch formuliert hieße das: Das optimale antithetische Äquivalent zur Gegenwart könnte auch ein anderes sein. Die Synthese zum Neuen könnte eine falsche sein.

Genau das finden wir in der Musikgeschichte zuhauf wieder, wenn Komponisten Neuigkeiten schöpfen und gleichfalls behaupten, ihre Vorgänger hätten es falsch gemacht.

Das nächste Problem ergibt sich am Begriff 2.Grades: In der dialektischen Auffassung von Wahrheit, Realität und Wissen ergibt sich die notwendige Schlussfolgerung, dass es ein Ziel gibt, das es durch ständige Synthese zu erreichen gilt. So spricht man bspw. vom kumulierten Wissen und der Idee, dass sich Wissen anhäufe, bis man wisse „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Hieran ist die Idee des Fortschritts angelegt: Durch ständige Innovationen bewegen wir uns in einer Fortbewegung, die eine Zielrichtung beinhaltet. „Fortschritt zum Wohle von …“ oder „Ich komme mit dem Fortschritt nicht mit“ sind deren Auswüchse. Abgesehen davon, dass der Konstruktivismus einen Ausweg dieses Problems bieten würde, soll aber hier das eigentliche Dilemma der Sache ausformuliert werden (das könnte etwas komplexer werden):
Auf Grundlage eines Glaubens an einen Mangel von Neuem wird die Forderung nun nach neuen Formen (oder was auch immer) laut und wiederholt. Sobald irgendein Neues geschöpft wurde (wobei unklar bleibt, ob dieses geschöpfte Neue dasselbe ist, wie das Mangelempfundene Neue) muss nach einer gewissen zeitlichen Sequenz wiederum der Prozess wiederholt werden. In der Logik der Dialektik schwingt neben der Idee der absoluten Lösung auch immer das Wissen um das dialektische Ziel mit. Mir persönlich ist kein einziges dialektisches Zieldilemma bekannt das gelöst werden konnte (sei es die angebliche Loslösung des Menschen von Zeit und Raum (Gumprecht), von Physis (Arendt) oder Wirklichkeit (Miller)).
Deutlicher formuliert heißt das: Das geschöpfte Neue kann möglicherweise das Falsche sein, oder nur ein weiterer Schritt in der Leiter des Fortschritts. Fortschritt ist nun auch nichts, was empirisch irgendwie gefasst werden könnte, daher ist auch dies ein Glaube an den Fortschritt. An diesem Punkt angelangt muss ich zugeben: Beweise können nicht den gesamten Fortschrittsglauben widerlegen. Meines Erachtens ist das aber auch nicht nötig – die Entlarvung des Glaubens macht die Idee des Fortschritts untauglich. Nach wir vor zählt was Faktizität schafft, die auch empirisch messbar ist (an dieser Stelle sollte man bedenken, dass es um einen wissenschaftlichen Umgang mit neu geht).

Diese Dilemmata sind nicht lösbar – zumindest nicht in der Logik der Dialektik. Als eingefleischter Dialektiker bleibt einem eigentlich nur eines übrig: Schöpfen – älter werden – die Jüngeren kritisieren – erklären wie man angeblich schöpfe – verbittern. Dies wäre meine Diagnose und Erfahrung (etwas polemisch).

Es bleiben aber Auswege, will sagen: Alternativen. Der Konstruktivismus würde neu sicherlich anders definieren. Ich gebe ein Beispiel:
„Im Jahre 2013 habe ich noch nie das Weihnachtsoratorium von Bach gehört. Ich gehe in ein  Konzert und erfahre dabei etwas Neues.“ Zunächst einmal bezieht sich neu hier nicht auf die eigentliche (kompositorische) Schöpfung, sondern auf die Ausführung der Schöpfung und quasi deren Prozessierung. Diese kann vereinfacht gesagt als Erfahrung des Menschen betrachtet werden. Eine Erfahrung, die vorläuferlos ist, ist neu. Das bedeutet medial-anthropologisch: Eine Erfahrung - das ist: ein (irreduzibles) Kopplungsereignis mit einer Umwelt -  ist dann neu, wenn sie Differenzen in der bekannte Umwelt erkennen lässt. Zu dieser Umwelt gehören: Struktur, Energetik, Information. Das heißt ein gehörtes Stück kann dann als neu empfunden werden, wenn entweder der Ort, Raum und die Zeit eine andere sind, es andere Musiker ausführen, oder der Erfahrene in einem anderen infogenetischen Zustand ist: Viel Kaffe, wenig Schlaf lässt ein Stück anders auffassen als voll gefressen nach einer Liebesnacht.
Was ich hiermit sagen möchte: Was neu ist, liegt an den Erfahrungen und den möglichen Erfahrungen eines (in diesem Falle) Zuhörers (oder wer oder was auch immer).

Welche Dimensionen hat dies für das kompositorisch Neue? Dinge, die zeitlich aktuell geschöpft wurden können dennoch als veraltet erfahren werden, und dabei ist der Grund dafür nicht einmal leicht zu finden. In einem Fachdiskurs zu „was denn nun neu sei“ kann dies natürlich ganz anders diskutiert und auch gesehen werden. Sofern es nicht am dialektisch Neuen bewertet wird, stünde die Idee im Raum, Dinge ihrer Neuwertigkeit anhand der eigenen Erfahrungen zu bewerten. Ich sehe kein Problem darin offen zu bekunden, dass mir etwas neu sei, oder etwas vermeintlich Neues veraltet erscheint. Letztlich haben wir gar keine andere Wahl: Auch der Dialektiker kann nur nach dem bewerten, was er weiß. Man stelle sich einen eingefleischten Dialektiker vor, der nicht um „das aktuelle Ziel des Mangels an Neuem“ wisse und daher komplett andere Forderungen in den Raum stelle als seine Kollegen. Das kann entweder zu Gelächter oder Ausschluss führen.


Damit nähern wir uns allerdings einer Diskussion, die gerade in musikalischen Bereichen alles andere als unstrittig ist. Denn was ich oben geschrieben habe, würde bedeuten, dass bspw. jemand, der noch nie Musik aus der Zeit nach 1980 gehört hat, dennoch darauf beharren könnte Musik aus der Zeit vor 1980 zu machen/hören, oder seine Vorstellung von Musik nach 1980 zur ernsthaften Diskussion zu stellen. Damit ergeben sich noch viele andere Probleme, wie das der Archivierung und Historisierung (Foucault). Vielleicht reicht dies aber auch als erster Anreiz zur Diskussion.n

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