Dienstag, 15. Januar 2013

Reaktion auf die Mozart-Maschine

Wie so oft zu lesen, geht es in Artikeln über computisierte Musik um Kreativität oder die Frage nach dem Menschen. Woran unterscheidet man menschlich gemachte Musik von computisierter Musik? Kann ein Computer kreativ sein? Kann ein Computer Wärme in Form von musikalisch evozierter Emotionalität erzeugen?

In dem Artikel "die Mozart-Maschine" werden genau diese Fragen aufgeworfen (siehe vorangegangenen Post, oder den Artikel hier). Es ist hoch interessant, dass es einen Computer gibt, der komponieren kann (was genau man darunter nun auch verstehe), und dessen komponierte Musik auch aufführbar ist. Ich denke aber, dass die oben erwähnten Fragen falsch gestellt sind. Sie erlauben es nicht ernsthaft über diese Form des Komponierens zu diskutieren. Die Fragen erlauben es lediglich den alten Dualismus Mensch und Maschine aufrechtzuerhalten.

Ich gehe hier einen anderen Weg (wie zu erwarten). Und mache das Schritt für Schritt.

1. Ich gehe von einer kopplungsregulativen konstruktivistischen Welt aus. D.h. Es gibt wohl eine Wirklichkeit da draußen, diese steht allerdings außerhalb unserer erfahrbaren Welt. Unsere Erfahrungen basieren auf Kopplungen, struktureller, sozialer, medialer Art. Kopplungen sind rekursive, änderungssensitive und formunvollendete Wechselwirkungen, die auf "Dauer" gesetzt werden können.
2. Damit ist alles das, was wir Welt nennen, oder darunter verstehen, ein Produkt kopplungsstrategischer und neurofunktionaler Informationen. Informationen sind alle Künstlichkeiten, die unser Gehirn im Stande ist in Kopplung mit dem Rest außerhalb des Gehirns zu schaffen.
3. Damit ist gesagt: wenn ich Musik höre, nehme ich i.d.S. keine Musik auf. Das Gehirn verarbeitet neuronale Reize (die aus den Kopplungen entstehen) und verarbeitet sie zu etwas, das man Musik nennen kann (sofern man bspw. Bach als Musik erlernt hat (Kopplung), und durch Kohärenzabgleiche ihn wiedererkennen zu versucht).
4. Musik ist damit grundlegend künstlich. Alles was Menschen tun und denken ist künstlich. Es sind alles Produkte unseres Gehirns, dass die Rekursionen der Kopplungen umsetzt. Sobald Menschen etwas denken, und dies anwenden ist es künstlich. Alles was natürlich ist, ist außerhalb der menschlichen Wahrnehmung. Die Natur, die Welt der "natürlichen Schönheit", ist eine Welt, die der Mensch niemals erreichen kann. Rein biologisch und neurophysiologisch ist dies nachweislich daran festzuhalten, dass es im menschlichen Körper keinerlei biologische Funktionsmechanismen gibt, die etwas Vermitteltes unbearbeitet aufnehmen könnten.

Was heißt dies für die Diskussion der Mozart-Maschine?

1. Diese Mozart-Maschine, oder besser: dieser Computer, ist in erster Linie ein Produkt menschlicher Denk- und Anwendungsleistungen. Er ist selbstverständlich künstlich. Er ist allerdings nicht dualistisch dem Menschen gegenüberstehend. Nichts, was Menschen schaffen, kann ihnen zum Gegner sein (eine andere Diskussion ist, was Menschen mit Maschinen zum Gegner sein tun).
2. Damit ist auch die Musik rein künstlich, und nicht weniger menschlich-künstlich als der Computer.

Die Diskussion müsste also den Computer als Form des Komponierens ernst nehmen, da er im Grunde nichts anderes darstellt, als menschliches komponieren. Sicherlich, dies ist die provokative Umkehrung der bisherigen Argumente. Ich sehe aber keinen Sinn darin, etwas zu verteufeln, was der Mensch geschaffen hat. Reaktionäre Künstler und Musiker, die in der computisierten Musik das Ende der Menschlichkeit sehen, müssen eingestehen, dass es im 21. Jahrhundert immer noch menschliches und menschheitliches Leben gibt (trotz aller Digitalisierungen etc.).

Der Computer ist keine Negation des Menschen, sondern dessen Bestätigung. Die Simulation der Welt, ist die biologische Nische der Menschheit (vgl. David Deutsch).


Die oben gestellten Fragen könnten also mit diesem Hintergrund wie folgt beantwortet werden:
Woran unterscheidet man menschlich gemachte Musik von computisierter Musik?
Warum sollte man daran einen Unterschied erkennen? Da der Computer ein menschliches Produkt ist, ist diese Frage sinnlos. Das Gleiche gilt für Musik. Streng genommen gibt es theoretisch keinen Unterschied darin, durch welche Form der Imagination Musik entsteht: durch das menschliche Gehirn oder durch das menschliche Gehirn. Denn sowohl die handschriftlich verfasste Musik als auch die computisierte Musik entspringen beide der selben Quelle.
Kann ein Computer kreativ sein?
Selbstverständlich. Im oben postulierten Post-Humanismus wäre es unlogisch zu behaupten, dass Kreativität eine rein menschliche Fähigkeit wäre. Selbst der Mensch ist im Stande Maschinen zu generieren, die auf ihre programmierte Weise Kreativität erzeugen. Kreativität ist letztlich nichts anderes als ein variationsreicher und variierender Prozess der Neuordnung von Informationen (deren Koordinierung, Genese, Kopplung). Nachweislich kann gefunden werden, dass das menschliche Gehirn nicht zu der oft postulierten unendlichen Kreativität des Denkens im Stande ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Denken Sie sich bitte eine neue Farbe aus. Das sollte Probleme verursachen.
Kann ein Computer Wärme in Form von musikalisch evozierter Emotionalität erzeugen?
Es sollte langsam ersichtlich werden, wie weit es mit den humanistischen Idealen tatsächlich her ist. Rein logisch gibt es nichts daran auszusetzen, dass folgende Kette funktioniert:

Mensch - Künstlichkeit (Denken) - Künstlichkeit (Computer) - Künstlichkeit (Musik) - Künstlichkeit (narrative Emotion) - ....

Viele Menschen fühlen sich meist von computisierter Musik erst dann nicht erwärmt, wenn sie um deren Genese wissen. Das entscheidende Moment ist dabei das Programm der Narration, dass Normativitäten indirekt nach der funktionalen Erfahrung auf diese auferlegt. Aber das ist ein anderes Thema.

Also:
- Welche Chancen sind dem computisierten Komponieren abzugewinnen?
- Warum sollte der Computer nicht als Instrument anerkannt werden?
- Inwieweit ist der Komponist eine humanistische Größe, die es zu erhalten gilt?
- Inwiefern sollten ausgebildete Musiker das einzige Aufführungs- und Geneserecht von Musik haben?
- Warum sollte es sinnvoll sein, von der "Hoheit kulturell erbaulicher Musik" auszugehen?

Das alles, und noch viel mehr....

1 Kommentar:

  1. Meine Gedanken zu diesem Thema gibt's hier:
    http://stefanhetzel.de/interakt.html

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