Dienstag, 2. Oktober 2012

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 2

Schlagabtausch


Virtuell gegen Real scheint das Schlagwort gegenwärtiger Analysen – egal ob journalistisch oder wissenschaftlich – zu sein. In der Arena um die Deutungshoheit dieses Kampfes stehen Buch gegen e-book; Stift gegen Tastatur; Internet gegen Realität. In den Bestsellerlisten von Kaufhäusern stehen Bücher wie von M. Spitzer „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um unseren Verstand bringen“ oder von S. Turkle „Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“. Sie alle nehmen diesen Kampf auf und begeben sich in die Arena. Wohlwissentlich, dass ihre Ansichten die Natürlichkeit des Menschen und seine wirkliche Realität (und eben nicht die Virtualität) verteidigen und vor dem Feind Internet retten und bewahren.

Selbst in Studien von Soziologen und Ethnologen geschehen immer wieder Sätze und Aussagen, die dem Internet zwar seine Gefahr nehmen wollen, es aber dennoch als virtuell, und damit meist normativ dem Realen unterlegen, stehenlassen.

Auf einer Kommissionssitzung an der Phillips-Universität zu Marburg, die sich „Digitalisierung im Alltag“ nennt, brannte ein heftiger Streit darüber aus, ob es real-virtuell oder virtuell-faktisch oder nur online-offline heißen sollte: diese Unterscheidung zweier Welten.

Dem allen steht eines zuvor: Das Reale ist nicht das Virtuelle; das Reale ist natürlich – das Virtuelle nicht. Und wie es in unseren Kontexten zugehen kann, passiert es, dass man zwar Kunst lobt, aber Künstlichkeit ablehnt.
Wozu dieser Einstieg?
Die Diskussion ist aufgeheizt. Hier ist sie nicht zu lösen. Und doch: es gibt vielversprechende Konzepte abseits der bisher hochfrequentierten Theorien, die ein Umdenken ermöglichen. Sie sollen hier in Form eines eigenen Konzeptes vorgestellt werden. Und dieses ist: Lebenswirklichkeit.

Dazu bediene ich mich einiger Grundlagen:

Information. Unter der Annahme, dass Information schon immer das wesentliche Werkzeug oder Bauelement der Menschheit war, soll erörtert werden wie dieser Begriff es ermöglicht die verschiedenen künstlichen Zusammenhänge, die Menschen schaffen und weiterschaffen, zu analysieren. Es steht davor: Informationen sind Unterscheidungen; Daten sind Unterschiede. Menschliches Handeln ist Unterscheiden – ist im basalen Verständnis infogen.[1]

Programme. Konzepte dieser Unterscheidungen und Unterschiede werden in menschlichen Interaktionen zu Programmen geformt.[2] Sie sind (epigenetische) änderungssensitive und formgebende Modelle zur partizipativen Infogenese. Mindestens zwei Menschen formen durch Aushandlungsprozesse Programminhalte und gestalten dadurch ihren Alltag: den Gang zum Bäcker, das Gespräch, etc.

Situation. Aushandlungsprozesse stellen sich vielfältig dar: Es sind Prozesse des Beobachtens, Beschreibens, Diskutierens, Sprechens, Schreibens, etc. In diesen Prozessen werden diskrete Modelle der Welt (wie sie im Gehirn existieren) in Zusammenhänge transformiert: In einem Ereignis, einer Situation – einem infogenen Vorgang von Interaktion. Keine Zustände oder Räume schaffen dies: Situation schafft Situation.

Erkennen.
 „Wir werden nämlich eine Sicht vortragen, die das Erkennen nicht als eine Repräsentation der "Welt da draußen" versteht, sondern als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozess des Lebens selbst.“[4]

Das Konzept von Lebenswirklichkeit versteht sich auch als ein Konzept von neurobiologischer Erkenntnistheorie: Die im Zitat angesprochene Welt, welche im Hervorbringen des Lebens selbst steht, wird hier als Lebenswirklichkeit verwandt. Sie entsteht als eine Künstlichkeit menschlicher Erkenntnis, die hier als Entwerfen verstanden wird. Die Welt, die wir uns schaffen, ist eine Welt aus/unseres Denkens.
Wo bleibt der zu Beginn angesprochene Dualismus? Er wird unnötig. Mit diesem Konzept, wird es unnötig in eine virtuelle und reale Welt zu unterscheiden: Es sind beides Welten unserer Lebenswirklichkeit.



[1] Vgl. Faßler, Manfred (2008): Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie. Wilhelm Fink. Vorwort
[2] Wobei erwähnt werden sollte, dass sich diese Konzept von dem Programmkonzept von N.Chomsky unterscheidet.
[4] Maturana/Varela (2012): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. Frankfurt am Main. S.7

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