Freitag, 12. Oktober 2012

Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit

Aus der Zusammenarbeit mit dem Forschungsnetzwerk FAMe, dass von Manfred Faßler in Fankfurt gegründet wurde, entsteht zurzeit ein Forschungsprojekt mit dem aktuellen (und vorläufigen) Arbeitstitel "Musik und Instrumente als koevolutionäre gewordene Künstlichkeit". Faßler stellt in diesem Netzwerk Theorien zur Verfügung, welche hier wesentlich zur Anwendung kommen. In einer ersten Skizze entstand folgender Text, welcher auch unsere Intention für diesen Blog gut wiedergibt:


Wir versuchen es kurz zu halten

und müssen uns dennoch um eine Einleitung bemühen. Eine Frage, die sich als Forschungsfrage auftun könnte, sollte ein klein wenig vorbereitet werden. Als Kulturanthropologe, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der anthropogenen Welt zu erforschen, und als ein Musiker und Komponist, der ein Interesse hat die Künstlichkeit der Musik zu entdecken/verdeutlichen/darzustellen, versuchten wir die Problematik des „hohen Kulturguts Musik“ in Zeiten der Evidentwerdung von der Programmhaftigkeit menschlicher Schöpfungen (Abstraktionen und Artefakte) mit diesen Aspekten der Interfaces, Informationen, Wissens, Räume, Denken, etc. zu verbinden.

Ausgangspunkt: Der Kulturanthropologe ist neben seinem Studium auch noch Organist. Gegenwärtig sieht er sich mit einer in der Öffentlichkeit breit dargestellten Diskussion zur Digitalisierung der Orgel konfrontiert. Ausgelöst von einem Ausnahmekünstler namens Cameron Carpenter, der die analoge Orgel, dieses monströse Gebälk an irgendeiner Wand, angebliches Produkt von linearen Systemen (Kirche), sich zu Eigen machen will, indem er sie digitalisiert. Möglichkeiten ausschöpfen, das Wesen der Orgel zerstören (Kirchenväter und kirchentreue Musiker sind empört), sie in ihrer Programmhaftigkeit sich selbst überführen. Die Kopplungen Orgel-Kirche, Musik-Sakralität, Pfeifen-Altar, Bach-Kirche/Bach-1700/Bach-Gott, Orgelmusik-Gott, etc. aufbrechen. Neue Verbindungen schaffen in der Lücke, die zurzeit nur einen Hoheitsanspruch hat (zumindest in unseren Breiten): Orgel dient der Kirche, und damit Gott. Auf der Orgel ist demnach auch nichts anderes darstellbar. Diese Deutungs- und Wahrheitshegemonien soll abgeladen werden. Und dies gilt eben nicht nur einem Instrument.

Der Komponist ist vor allem an der Musikschaffung in elektronischen und digitalen Softwares beteiligt und sieht das Interesse an der Offenlegung der Künstlichkeit von Instrumenten und Musik im Allgemeinen. Wie nach Kreidler: „Die da vorne sitzen [Musiker auf der Orchesterbühne] sind die ewig gestrigen“. Abspielen (bloße Widergabe?) von Noten (deutungsintensiven Symbolen und Informationen) auf handfesten Papier (auf dem man noch schreiben kann) mit analogen Instrumenten, die glücklicherweise echt sind, und deswegen auch wahrhaftiges verkünden können.

Historische Aufführungspraxen (wir kommen an das Original schon ran), Innovationslosigkeit in der Instrumentenentwicklung (sollte der Bedarf an Informationsverarbeitung gedeckt sein?), die Abwehr der Digitalisierung von Interfaces (Noten) und Medien (Instrumenten) und die Entdeckung der Programmhaftigkeit und Infogenität von Musik.

Räume der Musik, Musikräume: Zusammenhänge der Selbstorganisationsweisen von Musik und Musikern; Wissens der Konzerte (hören, veranstalten, spielen), der Instrumente, etc. Zusammenhänge des Akustischen (Erwartungserwartungen, Störungssensitive Übertragungsketten, etc.): diskrete Mengen (Musiker, Musik, Stücke, Komponisten) in markierten Räumen (Konzertsäle, Notenpapier, Veranstaltungen).

Was soll uns Musik bedeuten? Was soll sie leisten? Inwiefern ist sie in heutiger Zeit tauglich (dem Kontext, den Menschen, den Entwicklungen)? Wie kann sie aus Deutungs-, Wahrheits- und Hoheitsansprüchen herausgelöst werden?


Kommentare:

  1. Wohlweislich hat Stravinsky Biografisches aus der Rezeption seines Schaffens versucht herauszuhalten, unterdrückt, sein Werk objektivierend. Ganz das Gegenteil Schönberg: bei ihm ist alles persönlich und biografisch, Subjektivismus in Reinform.

    AntwortenLöschen
  2. Wusste ich gar nicht.
    Aber: Beide Formen müssen erst so oder so in das Gehirn. Ob die Daten nun sibjektiviert wurden oder versucht objektiv zu halten. Der Vorteil bei Schönberg wäre demnach, dass man den Versuch eine Identifikation mit Stück/Komponist machen kann...
    also, vielleicht....

    AntwortenLöschen