Dienstag, 16. Oktober 2012

Begrenztheit musikalischer Terminologie - Ideen für eine neue Begrifflichkeit (1)

Sprechen über Musik

Die beschränkten Möglichkeiten über Musik zu sprechen, mittels Sprache Musikalisches zu beschreiben sind ein Teil des problematischen Zugangs der Musiktheorie und  -philosophie zum Gegenstand der Musik. Ein anderer die etablierten Werkzeuge dieser beiden, die als musikalische Terminologie spezifische geschichtliche Modelle reflektieren, deren (Zeit-)Kern schwer in unsere Gegenwart hinübergerettet werden kann. So werden diese Termini seltsam leer und schwer zugleich, ihre Treffsicherheit vermindert sich, so als würden wir mit Kanonenkugeln auf Spatzen schießen (was das diffizile Verhältnis von Terminologie und beschriebenem Gegenstand in ein bezeichnendes Verhältnis setzt). Es spricht nichts dagegen, sich diese vergangenen Modelle des Sprechens über Musik anzueigenen und nachzuvollziehen. Dennoch sollten wir diese Modelle oder Wirklichkeitskonstrukte aus der nötigen Distanz betrachten und als Geschichtliche verstehen.

Das Denken von Modellen

Gemeinsam ist allen Prozessen sowohl der Analyse der Theorie und Philosophie als auch der Synthese der Komposition oder wie auch immer gearteten Produktion von Kunst das Denken von Modellen. Dieses Denken von Modellen kann auch als übergreifendes Moment menschlichen Bewußtsein verstanden werden. Es ist kreativ, konstruktiv, gestaltend, entwerfend und damit eine Grundkonstituente von Handeln und Tun, also von Praxis oder Kommunikation mit einem Aussen (Nicht-Ich). Über diese Modelle dringen wir aus unserem Inneren in dieses Aussen, sie sind zugleich Welterschließung wie auch Weltgestaltung und damit konstruierte Wirklichkeit. Der Charakter von Modellen ist ihre Zeitlichkeit: Sie sind nicht allgemeingültig, d.h. unabhängig von Hier (Raum), Jetzt (Zeit) und Ich (Sprecher). Das Modell trägt in sich die Bereitschaft zur Modifikation. Es basiert auf anderen Modellen und es erzeugt neue Modelle. Das Ausschnitthafte dem Aphorismus oder Axiom verwandte ist seine Stärke.

Das musikalische Modell?

Was ist der Unterschied zwischen einem Werk von Boulez oder Xenakis? Oder noch weitergehend: Was ist der Unterschied zwischen Stilen, Epochen, Schulen, Richtungen? Für mich ist es die Oberfläche. Aber was ist das Gemeinsame? Das Arbeiten (Komponieren) mit Modellen und deren Modifizierung! Unter diesem Blickwinkel haben die verschiedenen kompositionsgeschichtlichen Epochen (und deren Werke) mehr gemeinsam als sie unterscheidet.

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Kommentare:

  1. Diesen Ansatz finde ich sehr gut! Der Begriff des Modells könnte obsolete Begriffe wie Werk und Material endlich ablösen: Modellhaftes Komponieren, modellhaftes spielen.

    Ich würde hinzufügen: Modell kann als Form verstanden werden. Da Musiker des öfteren Formen suchen, in die sie "ihre Gedanken pressen können", kann man nun sagen: "Das Pressen von Gedanken erzeugt ein Modell." Es ist demnach ein Produkt von menschlichen Denkprozessen welche sich weitläufig auf zwei Prinzipien berufen: (1) Selektion (von Information, Daten) und (2) Variation (als weiterführender Entwurf eines Musters).

    Die Idee, dass sich Modell aus Handeln und Erkennen zusammensetzt finde ich sehr gut: Aus der Erkenntnistheorie heißt es ebenfalls "Jedes Handeln ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Handeln".
    Was ich nicht ganz verstehe ist die Aussage: Kommunikation mit einem Aussen (Nicht-Ich).

    Spricht daraus die Idee eines Über-Ichs? In faßlerischem Sinne ist ein (gedachtes) Außen ein Blick ins Innen.

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  2. Den Begriff Modell will ich noch weiter ausführen, denke das wird noch eine ganze Weile wachsen und sich verändern.

    Über-Ich (?) (interessiert mich nicht): soll das was Kollektives sein? Ich denke eher in den Kategorien ICH vs. NICHT-ICH, sprich eine vom ICH gedachte Verschiedenheit, Grenze oder Fremdes, (ich dachte Fassler bezeichnet das gedachte AUSSEN auch mit NICHT-ICH).

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  3. Soweit ich ihn gelesen haben, verstehe ich dieses Außen nicht als Nicht-Ich. Denn:
    1. Ist dieses Außen ein gedachtes Außen und eigentlich ein Blick ins INNERE Außen.
    2. muss es deswegen zu dem Ich gehören.
    3. Man könnte aber dieses Außen tatsächlich als gedachtes Milieu verstehen, in dem das Ich lebt. Also ein Innen-Ich (Gehirn, was man als Bewusstsein bezeichnet) und ein Außen-Ich (was aus diesem Bewusstsein entspringt, aber als Nicht-Ich verwendet wird).

    Insofern könnte man den Begriff Nicht-Ich schon stehen lassen, mit dem Zusatz, dass ein Außen nur aus dem Innen kommt.
    !?

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