Mittwoch, 5. September 2012

Skizzen einer Kulturanthropologie des Medialen - Fragment 1

  In diesem Beitrag, der sich letztlich als Essay versteht, soll in verschiedenen Teilen die wesentlichen Merkmale einer Kulturanthropologie des Medialen skizziert werden, um sie letztlich auf die Musik übertragen zu können. Es sind unvollständige Gedankengänge, die als Denkstütze zu verstehen sind.

  Im ersten Fragment soll die Perspektive, der theoretische Ansatz und die Entstehung von Künstlichkeit umrissen werden. Dabei werden die Theorien von Manfred Faßler verwandt, der in Frankfurt am Main den Lehrstuhl für Kulturanthropologie des Medialen inne hat.

Eingang. In seinem Buch "Der infogene Mensche" wird die Grundsätzliche Charakteristik des Menschen Unterschiede zu erzeugen, zu erhalten und weiterzugeben, sowie Unterscheidungen zu machen dargestellt. Ausgangspunkt dazu ist eine konstruktivistische Sichtweise, die beim Denken des Menschen ansetzt. Physiologisch gesprochen geht es um das Gehirn, dessen Neurofunktionalität und epigenetischer Veränderungs- und Anpassungsmöglichkeiten. Was ist Denken, und was resultiert daraus?

Information. Um Energie- und Datenströme beschreiben zu können bedient sich Faßler des Begriffs Information. Dieser beschreibt den kleinst möglichen Unterschied. "Rot" ist bspw. eine Information i.d.S. es sich von "grün" oder anderen Farben trennt. Man muss dabei davon ausgehen, dass sich das gesamte menschliche Symbolsystem auf Unterschiede bezieht. "Stuhl" ist einer Unterscheidungsleistung des Menschen, der sich nicht nur begrifflich vom Tisch trennt, sondern auch selektive Inhalte liefert: Sitzen, Hocken, etc. Wenn Menschen beobachten, ihre Umwelt, ihre Mitmenschen entwerfen sie. Beobachtung ist ein Entwurf im Gehirn des Menschen. Die Beobachtung der Natur führt demnach nicht zu einer Beschreibung der Natur (als ob diese "wahrheitlich" beschrieben werden kann), sondern erstellt einen Entwurf dieser Natur im Gehirn. Man sollte dabei nicht dazu geneigt diesen Entwurf als Projektion oder Abbild zu verstehen. Der Entwurf im Kopf des Menschen hat mit dem Außen per se nichts zu tun. Informationen sind letztlich ausgewählte und wahrgenommene Daten - wahrgenommene Unterschiede, die als Entwurf im Gehirn des Menschen zwischengespeichert werden. Damit ist gesagt, dass


  1. keine Wahrheit über irgendetwas beschreibend formuliert werden kann.
  1. etwas, das als Wahrheit oder Natürlichkeit beschrieben wird, nichts anderes als der Entwurf der Beobachtung ist. Dieser kann durch Wiederholung und Häufigkeit als Typologie manifestiert werden, und somit als Standard in gewissen Kontexten gehändelt werden.
  1. eine Natürlichkeit der Dinge existiert damit genauso wenig die Selbstverständlichkeit von Umständen. Es sind Entwürfe des Denkens, die es in gewisse Modelle der Tradierung geschafft haben um somit für mehrere Menschen kommunizierbar zu sein.
  1. Die Welt, wie wir sie kennen, ist vollständig von uns gemacht. Es gibt nur Unterschiede die von Menschen gesetzt wurden, und Unterscheidungen, die von Menschen als Tradition/Symbol/Erzählung weitergegeben werden.
  1. Die Natürlichkeit der Dinge ist die gedachte Natürlichkeit von Daten und Informationen.
  1. Welt ist ein Gestaltungsmonopol des Menschen/der Menschheit, welche sie Kontexte entwirft und darin lebt.
  1. Hieraus ist keine Negierung an des Menschen "Menschlichkeit" zu sehen. Dies ist der (normativ) positivste Ansatz für menschliches Handeln und Leben. Menschen haben die Pflicht, Aufgabe, Freude und Notwendigkeit ihre Welt zu machen.



Außen und Innen. Francesco Varela sagte in einem Vortrag "my perception is there, outside" (Faßler (2008): Der infogene Mensch. S.129). Außen beschreibt ein Außen des menschlichen Körpers, und damit seines Gehirns. Es wird für den Menschen nutzbar, in dem er es in informationelle Modelle verpackt (Information = Unterschiede) und somit kognitiv anwenden kann.
Wahrnehmung und Denken entstehe und bewege sich im Außen, in dem erfundenen Raum der Realität, auf den (Raum) und auf die (Realität) wir Menschen uns beziehen müssen, um sinnlich denkend zu leben. Dieser Bezug gelingt durch informationelle Modelle. Der Blick in das Innerste der Dinge, der Welt, des Gegenübers ist ein Blick in ein gedachtes Außen. Das Gehirn (my perception) wird zum schaffenden Naturprinzip, das zugleich in jeder Schaltung (Idee, Empfindung, Assoziation) von der Zufuhr kognitiver Rohstoffe (Information) abhängig ist.[...] Folgerung ist schlüssig: die Muster, die sich im Gehirn entwickeln, sind keine Repräsentation von Außenwelt. Sie entstehen als "im Subjekt definierte Antwortmuster zu Außenreizen"  als "Interne Repräsentation" [(Breidbach: 3 & 13)]. Diese "Interne Repräsentation" birgt keineswegs beliebige Freiheit. Sie ist Regie und Regime des Außen, aber nicht direkt, nicht formsetzend. Die Regie erfolgt über Informationen, d.h. über Reizaufnahme, Reizselektions- und Abspeicherungsfunktionen, über die neurophysiologische Bereitstellung formfähiger Informationen. Information ist "das, was wir von der Welt zu wissen scheinen" (13)." (ebd. S.130)
 Was ergibt sich darauf für eine Anthropologie?

Künstlichkeit. Hieraus sollte klar werden, was im Grunde mit Künstlichkeit gemeint ist. In Diskussionen um die "Virtualität von Internet" betonte ich immer wieder, dass das Internet nicht "mehr virtuell" sei, als unsere Realität. Eine klare begriffliche Ausdifferenzierung in virtuelle und reale Welten ist i.d.S. nicht möglich. Aus dem oben skizzierten Ansatz muss folgen, dass Menschen sich künstliche Welten schaffen, um darin und dadurch überleben zu können. Künstliche Welten zeichnen sich indes nicht dadurch aus, dass sie nur im Internet vorkommen. Gesellschaft, Alltag - der Gang zum Bäcker, der Einkauf, das Gespräch - sind Produkte informationellen, d.h. selektiv auswählenden, entwerfend beobachtenden Denkens und damit Künstlichkeiten. 
"Biologisch gesprochen ist die Simulation der Umwelt in der virtuellen Realität charakteristisch für das Überleben der Menschheit. Sie ist der Grund dafür, dass es Menschen gibt. Die ökologische Nische, die Menschen besetzen, hängt genauso unmittelbar und absolut von der virtuellen Realität ab, wie die der Koalabären von den Eukalyptusbäumen." (Deutsch 1996: 136)
Zunächst sollten wir festhalten, dass an dem Begriff Information mehr zu hängen scheint als bisweilen angenommen. Dass Information schon seitdem es Menschen gibt das wesentliche Parameter zur Gestaltung menschlichen Lebens ist. Und dieses menschliche Leben scheint als Künstlichkeit - oder wie von Deutsch formuliert: Simulation - der Kontext menschlicher Selbstorganisation zu sein. In den weiteren Texten sollen diese sehr groben Gedankengänge sukzessive vertieft werden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen